„Romeo und Julia“ von W. Shakespeare

Akt II - Dritte Szene

Bruder Lorenzos Zelle
Auftritt Bruder Lorenzo mit Korb

Lorenzo:
Das Morgengraun fällt auf die Nacht herein,
Im Osten blinkt der erste Sonnenschein.
Die Dunkelheit begehrt verzweifelt auf,
Und beugt sich schließlich des Titanen Lauf.
Eh nun der Sonne Glutball sich erhebt,
Den Nachttau trocknet und den Tag belebt,
Muss voll mein Korb mit guten Kräutern sein,
Die heilsam, würzig sind, doch nicht allein,
Auch was als Unkraut gilt und giftge Pflanzen,
Denn diese haben wichtige Substanzen.
Die Mutter und das Grab ist unsre Erde,
Dass sus dem Tod ein neues Leben werde.
Nicht, was ihrem reichen Schoß geboren
Ist ohne Sinn, und nie geht was verloren-
Die vielen Arten, die sie uns beschert,
Sind so verschieden, wie von gleichem Wert.
Doch wer die Kräfte nutzt, der wisse auch,
Das Gegenstück des Nutzens ist Missbrauch.
Aufs Maß kommts an. So manche Medizin
Zu konzentriert, rafft nur den Kranken hin,
Und Gift, genau dosiert, heilt von Beschwerden,
Ja, auch die Tugend kann zum Laster werden.
Zum Beispiel in der Blume hier ist Saft,
Der tödlich sein kann, aber auch die Kraft
Zu heilen hat. Dran riechen ist gesund
Doch wer ihn isst, dem schlägt die Todesstund.
Zwei Herrscher, auch in uns, stehn kampfbereit
Einander gegenüber: Güte - Grausamkeit.
Doch wenn die Waage sich zum Schlechten neigt,
Frisst Krebs die Pflanze bis der Tod sich zeigt.


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Anna Cron