Was Ihr wollt

Komödie von William Shakespeare

Orsino, der Herzog von Illyrien, ist verliebt in die Gräfin Loivia, die seine Werbung jedoch schnöde zurück weist. Viola, die durch einen Schiffbruch von ihrem Zwillingsbruder Sebastian getrennt wurde, tritt als Page Cesario verkleidet in den Dienst des Herzogs. Sie soll bei der Gräfin für Orsino werben. Prompt verliebt sich Olivia unsterblich in den hübschen Pagen, der seinerseits (die ihrerseits) Orsino liebt. Eine Dreiecksgeschichte, bei der die Liebesqualen vorprogrammiert sind.

Auch Malvolio, dem eitlen Haushofmeister Olivias, macht die Liebe zu schaffen. Ihm wird von dem trunksüchtigen Junker Tobias von Rülps, dem einfältigen Junker Andreas von Dumpfbacke und dem spaßverliebten Kammermädchen Maria eingeredet, die Gräfin liebe nur ihn und wolle ihn heiraten. Als Violas Bruder Sebastian auftaucht, hält Olivia ihn für den vermeintlichen Pagen; und nun bekommt sie, was sie will; denn auch er verliebt sich in sie. Die beiden heiraten.

Als sich schließlich heraus stellt, dass der Page ein Mädchen, nämlich Viola ist, verliebt sich der Herzog in sie und es kommt letztlich zur Doppelhochzeit.

Ein tiefsinniges Verwirrspiel, in dem sich, kommentiert durch den melancholisch philosophischen Narren, schließlich sämtliche Missverständnisse auflösen.

 

Dritte Szene

(Auftritt: Junker Tobias von Rülps, Maria)

Tobias:
Was, zum Teufel, zieht sich meine Nichte den Tod von ihrem Bruder so rein?
Ich bin sicher, soviel Sorge kann nicht gesund sein.

Maria:
Meiner Treu, Junker Tobias, Ihr müsst nachts früher nach Hause kommen. Eure Kusine, mein gnädiges Fräulein, nimmt großen Anstoß an Eurer späten Nachtstunde.

Tobias:
Na, lass sie anstoßen, bevor's anstößig wird.

Maria:
Ihr solltet wenigstens die Grenzen des Anstands zeigen!

Tobias:
Was, Anstand zeigen? Ich zeige mich nicht anständiger als ich bin! Diese Klamotten sind anständig genug, um darin zu saufen und diesen Stiefeln fehlt's auch nicht an Stand, so dass man nicht heraus kippt, wenn es drauf ankommt. Wenn ihr das nicht passt, soll sie sich doch an ihren eigenen Strapsen aufhängen!

Maria:
Das Gesaufe und Gesumpfe macht Euch kaputt. Ich hab gestern gehört, wie sich das gnädige Fräulein darüber aufgeregt hat. Vor allem über den bekloppten Junker, den Ihr neulich mitten in der Nacht als Freier für sie angeschleppt habt!

Tobias:
Wer, Junker Andreas von Dumpfbacke?

Maria:
Genau der!

Tobias:
Der ist so groß wie selten einer in Illyrien.

Maria:
Wozu soll das gut sein?

Tobias:
Na, hör mal! Der bringt's gut und gern auf 3000 Dukaten im Jahr.

Maria:
Aber länger als ein Jahr bringt er's nicht mehr, mit all seinen Dukaten.

Tobias:
Pfui, was fällt dir ein? Er spielt die Viola de gameboy und spricht drei oder vier Sprachen Wort für Wort ohne Buch und hat auch sonst alle guten Gaben der Natur.

Maria:
Tatsächlich, der Natur! Langt nicht, dass er ein Idiot ist, ein Riesenstreithammel ist er; und wenn er nicht auch die Gaben eines ausgemachten Schissers hätte, lägen bei seiner Streitlust alle seine Gaben schon längst in der Gruft. Das weiß doch jeder vernünftige Mensch.

Tobias:
Zum Donner! Das sind Schufte und Intriganten, die so von ihm reden. Wer sind sie?

Maria:
Leute, die noch einen drauf setzen und behaupten, dass er sich jede Nacht in Eurer Gesellschaft sinnlos besäuft.

Tobias:
Wir stoßen nur auf die Gesundheit meiner Nichte an. Darauf werd ich saufen, solange es in meiner Gurgel noch keinen Rost und in Illyrien genug zu saufen gibt. Der ist ein Schuft und Schweinehund, der nicht auf meine Nichte trinkt, bis sich ihm vom Schädel bis zum großen Zeh alles dreht wie ein Karussell. Was, Mädchen! Castiliano vulgo: Denn da kommt der Junker Andreas von Dumpfbacke.

(Auftritt: Junker Andreas von Dumpfbacke)

Dumpfbacke:
Junker Tobias von Rülps! Wie steht's, Junker Tobias von Rülps?

Tobias:
Liebster Junker Andreas!

Dumpfbacke:
Gott grüß Euch, schöner Schrubber.

Maria:
Euch auch, Junker Dumpfbacke!

Tobias:
Macht sie an, Junker Dumpfbacke, Macht sie an!

Dumpfbacke:
Was ist das?

Tobias:
Das Kammerfräulein meiner Nichte.

Dumpfbacke:
Liebes Fräulein Machzian, ich würde Euch gern näher kennen lernen!

Maria:
Mein Name ist Maria, Dumpfbacke.

Dumpfbacke:
Mein liebes Fräulein Maria Machzian!

Tobias:
Ihr habt nichts kapiert! Macht sie an heißt: Stell sie, attackier sie, pack sie und nimm sie.

Dumpfbacke:
Ehrlich? Vor all den Leuten? Das heißt Machzian? Echt?

Maria:
Macht's gut, meine Herren!

Tobias:
Wenn Ihr sie jetzt so gehn lasst, Dumpfbacke, solltet Ihr Euer Schwert am besten nie wieder ziehn.

Dumpfbacke:
Wenn ich Euch jetzt so gehn lasse, Fräulein, sollte ich mein Schwert am besten nie wieder ziehn. Ja, schöne Dame, glaubt Ihr denn, Ihr habt einen Narren an der Hand?

Maria:
Nein, Euch hab ich nicht an der Hand!

Dumpfbacke:
Echt? Das sollt Ihr aber, denke ich. Hier ist meine Hand!

Maria:
Nun, mein Herr, die Gedanken sind frei. Packt Eure Hand an den Schwengel und lasst sie trinken.

Dumpfbacke:
Wozu, Süße? Was wollt Ihr damit sagen?

Maria:
Dass sie trocken ist.

Dumpfbacke:
Warum? Ich denk mir: ich bin nicht so ein Esel, dass ich meine Hand nicht trocken halten kann. Aber ehrlich, wie steht's mit dem Witz?

Maria:
Solang er steht, ist er trocken.

Dumpfbacke:
Habt Ihr noch mehr auf Lager?

Maria:
Na klar, an jedem Finger einen. Ich glaub, ich lass Euch jetzt allein mit Eurer Hand. Das klappt bestimmt besser als mit mir.
(Ab)

Tobias:
Oh Junge, Euch täte ein Humpen Sekt nicht schlecht! Wann habe ich Euch jemals so niedergeschlagen gesehn?

Dumpfbacke:
Nie in Eurem Leben. Es sei denn, der Sekt hat mich umgehauen. Manchmal glaube ich echt, dass ich nicht mehr Grips im Hirn habe als ein Christ oder ein gewöhnlicher Mensch; aber vielleicht esse ich auch zuviel Rindfleisch, kann echt sein, dass mir das auf den Verstand schlägt.

Tobias:
Keine Frage!

Dumpfbacke:
Und wenn ich schon so denke, dann kann ich es auch gleich ganz bleiben lassen. Ehrlich, ich fahr morgen heim, Junker Tobias.

Tobias:
Pourquois, mein lieber Junge?

Dumpfbacke:
Purcoa? Heißt das tun oder nicht tun? Ich kann kein Englisch ehrlich! Ich hätte mich echt besser in Sprachen geübt, als meine Zeit mit Fechten, Tanzen und Bärenjagd vergeudet. Oh, hätten mich doch die Pfade der Kunst gelockt!

Tobias:
Dann hättet Ihr wenigstens eine schöne Frisur.

Dumpfbacke:
Wieso, ist das gut für die Haare?

Tobias:
Ohne Frage! Ihr seht doch, was bei der Natur herausgekommen ist.

Dumpfbacke:
Aber es steht mir doch recht gut so, oder?

Tobias:
Hervorragend. Es hängt wie Flachs am Rocken; und ich hoffe, dass Euch mal ein Weibsbild zwischen die Beine nimmt und ordentlich einen abspinnt.

Dumpfbacke:
Sei's drum, ich will echt morgen nach Hause, Junker Tobias; Eure Nichte lässt sich nicht blicken; und wenn, dann wette ich zehn zu eins, dass sie nichts von mir wissen will. - Wo ihr doch sogar der Herzog von nebenan nachstelzt.

Tobias:
Vom Herzog will sie nichts. Sie will nicht über ihrem Stand heiraten. An Rang nicht und nicht an Jahren und schon gar nicht an Verstand. Das hab ich sie schwören hören. Mann, da ist noch eine echte Chance drin!

Dumpfbacke:
Einen Monat bleibe ich noch. Ich bin ganz komischer Kerl. Ich stehe auf Bälle und Karnevalsfeten und manchmal alles zusammen, ehrlich!

Tobias:
Ihr gut in so nem Firlefanz?

Dumpfbacke:
Wie nur einer sein kann in Illyrien. Da messe ich mich echt mit jedem; es sei denn, er ist besser als ich. Mit der alten Garde kann ich mich natürlich nicht vergleichen, ehrlich!

Tobias:
Und wie sieht's mit der Gaillarde aus, Junge?

Dumpfbacke:
Ehrlich, ich kann den doppelten Rittberger und den dreifachen Lutz!

Tobias:
(leise, apart:)
Und ich kann den Hammelsprung.

Dumpfbacke:
Und den Kratzfuß beherrsche ich echt so spielend leicht wie kein zweiter in Illyrien.

Tobias:
Warum blühn solche Talente im Verborgenen? Wozu hängt vor solchen Gaben der Schleier des Vergessens? Weil sie sonst verschimmeln könnten? Warum tanzt Ihr nicht in die Kirche mit einer Gaillarde und zurück mit einem Coranto? Ich würde schreiten wie in der Gigue; selbst pissen würde ich nur in Kapriolen.
Was habt Ihr Euch dabei gedacht. Glaubt Ihr, dass man in dieser Welt irgend etwas verbergen sollte? Ich würde denken, bei der göttlichen Form Eurer Wadeln, dass man Euch im Sternbild des Schuhplattler gezeugt hat.

Dumpfbacke:
Stark, nicht wahr? Und sie sehen echt verdammt gut aus in bunten Strümpfen
Sollen wir nicht einen heben gehn?

Tobias:
Was sollten wir sonst machen? Sind wir nun Stiere oder nicht?

Dumpfbacke:
Stiere? Was heißt das? Koteletts und Schnitzel?

Tobias:
Nein, Schenkel und Schwänze! Zeigt mir, wie Ihr springen könnt. Ha, höher!
Ha, ha, ausgezeichnet!
(Beide ab)

(...)

© Hartmann & Stauffacher

 

Auf Shakespeares Spur in den Taumel der Liebe

„Was Ihr wollt“: Vor ausverkauftem Haus präsentierte die Burghofbühne Dinslaken im Schloss Hardenberg eine Beziehungskomödie.

(...)
Das Shakespeare'sche Komödienwirrwarr, vielschichtig und durchsichtig wie fast immer, löst sich am Ende dennoch, der Handlung angemessen auf. Allerlei Ehen werden geschlossen, Paare finden in neuer Konstellation zueinander - kriegste den nicht, nimmste eben den.
Geprellte wie Antonio, Malvolio und Andreas bleiben zurück.

1602 war es komisch, heute könnte das Stück in seiner Urform Probleme aufgeben.
Das verhindert die brandaktuelle, für die Burghofbühne von Anna Cron angefertigte frische Obersetzung, die mit ihrem saftigen Sprachwitz und frechen Wendungen beim amüsierten Publikum im ausverkauften Saal auf Schloss Hardenberg sehr gut ankam. Zusammen mit Hanfried Schüttlers Inszenierung mit ihrer Situationskomik in Screwball-Manier sorgte sie für so gute Unterhaltung, wie wohl vor 400 Jahren das Original.

Ein blendendes Ensemble trug die Aufführung, beherrschte alle amüsanten Schattierungen versagter Liebe, alle burlesken Kapriolen zwischen eklatanter Sauflust, Liebeswahn und pikantem Schmachten.
(...)
„Das wäre fast so gut wie Saufen: den zum Duell fordern und nicht hingehen“ (Andreas über Malvolio). Das Fehlen von ganz bitterer Boshaftigkeit macht diese Aufführung zum wirklich herzlichen Lacher. „Für jeden Scherz muss man letztenendes zahlen“, sagt irgendwann der Narr. Das tat das Theaterpublikum auf Schloss Hardenberg gern - das Eintrittsgeld war gut angelegt.

Frank Becker, Westdeutsche Zeitung, 24.07.2000




Sprachlich entrümpelte Lifestyle-Komödie
Burghofbühne spielte Shakespeare locker-leicht


(...)
Die Burghofbühne zelebriert im Burgtheater das Shakespeare-Stück als peppige, amüsante Lifestile-Komödie, auch in Ausstattung und Sprache.
(...)
Das Ensemble nutzt dann reichlich die Chance, sich an Witz der Übersetzung Anna Crons zu suhlen.
(...)
Die besondere Atmosphäre des Spiels wird aber durch die freche, verspielte, ja fast respektlose Übersetzung Anna Crons bestimmt. Entrümpelt von aller Gespreiztheit des Klassikers, turnt die Sprache durch Berliner Schnauze, Pumpernickel-Deutsch, Umgangs-Jargon und Sprücheklopfen aus unserer heutigen Popkultur, und schreckt auch vor Blasen wie „Klar wie Kloßbrühe“ nicht zurück!
Doch immer wieder schafft es Anna Cron, völlig bruchlos poetische Sequenzen in gehobener Literatursprache einzuweben. Sonderapplaus!
(...)

Adolf Krasnick, NZR, 02.06.2000

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Anna Cron