Schneeweißchen und Rosenrot

Leseprobe - Akt II, Erste Szene

Winter
Zuhause

Schnurre:
Und dann wurden die Tage immer kürzer, und die Nächte wurden lang und länger; und eh man sich versah, kam der Winter ins Land gezogen.
Schneeweißchen zündete das Feuer im Kamin an, hängte den Kessel an den Feuerhaken, und der Kessel war von Messing, glänzte aber wie schieres Gold, so rein war er gescheuert. Der Schnee hatte die Welt draußen mit einem weichen, weißen Tuch überzogen. Aber drinnen...

Schneeweißchen und Rosenrot, die Mutter, ein Lämmchen, auf einer Stange eine Taube. Die Kinder sitzen am Spinnrad

Lied:
Dreh dich, dreh dich Rädchen,
Spinne mir ein Fädchen;
Viele, viele hundert Ellen lang.
Hurtig, hurtig muss man spinnen.
Mütterchen braucht frisches Linnen.
Darum Rädchen ohne Ruh,
Dreh dich, dreh dich immer zu!

Mutter:
Geh, Schneeweißchen und schieb den Riegel vor!

Rosenrot:
Bitte Mutter, lies uns etwas vor!

Schnurre:
Und die Mutter holte ein dickes Buch aus dem Kasten, nahm ihre Brille und setzte sich vor den Kamin...

Mutter:
Es war einmal vor langer, langer Zeit...

Es klopft

...ein kleines Mädchen...

Es klopft erneut, diesmal energischer

Geschwind, Rosenrot, mach auf, es wird ein Wanderer sein, der Obdach sucht.
Gewiss ist es ein armer Mann, der draußen erfrieren würde.

Rosenrot öffnet die Tür und erschrickt.
Auftritt Bär. Aufregung und Angst. Jeder sucht sich ein Versteck.

Schnurre:
Oje, ein Bär!

Das Lämmchen blöckt entsetzt, die Taube schlägt erschrocken mit den Flügeln.

Bär:
Fürchtet Euch nicht, ich tue euch nichts zuleid, ich bin halb erfroren und will mich nur ein wenig bei euch wärmen.

Lied:
Ich bin ein armer Bär.
Mein Leben, das ist schwer.
Wenn jemand mich erblickt,
Dann schreit er wie verrückt:
Ein Bär! Ein Bär!

Mein Leben ist ein Graus;
Drum geh ich selten aus,
Weil jeder, der mich sieht,
Mit lautem Kreischen flieht:
Ein Bär! Ein Bär!

Und jetzt bei Eis und Schnee
Tun mir die Füße weh!
Wo ich mich wärmen will,
Vernehm ich laut und schrill:
Ein Bär! Ein Bär!

Schickt mich nicht fort von hier!
Ich wär gern so wie ihr.
Doch hat das einen Sinn?
Ich bin halt, was ich bin:
Ein Bär! Ein Bär!

Alle beruhigen sich während des Liedes und kommen allmählich aus ihren Verstecken hervor.

Mutter:
Du armer Bär leg dich ans Feuer und gib nur acht, dass dir dein Pelz nicht brennt! Schneeweißchen, Rosenrot, kommt hervor, der Bär tut euch nichts, er meints ehrlich.

Bär:
Habt Tausend Dank, Gevatterin! Ihr Kinder, klopft mir den Schnee ein wenig aus dem Pelzwerk!

Schneeweißchen und Rosenrot nehmen den Besen und fegen dem Bären, der sich genüsslich vor dem Kamin räkelt, das Fell. Die Kinder fangen an mit dem Bären zu spielen und Schabernack zu treiben.

Rosenrot:
Hey Bär, komm her!
wir wolln auf dir reiten!

Schneeweißchen:
Hey Bär, komm her!
Wir mögen dich leiden.

Rosenrot:
Wir setzen die Füße auf deinen Rücken
Und zausen das Fell dir, du musst dich nur bücken,

Schneeweißchen:
Wir walgern dich hin und walgern dich her
Und toben mit dir die kreuz und die quer.

Rosenrot:
Wir nehmen die Rute und schlagen drauflos,
Und solltest du brummen, dann lachen wir bloß!

Bär:
(lachend)
Gemach, gemach, ich werd mich ergeben.
Doch, Kinder, lasst mich bitte am Leben!

Schneeweißchen und Rosenrot:
Schlägst dir den Freier tot.
Schockschwere Not!

Rosenrot:
Hey Bär komm her!
Wir wollen dich packen

Schneeweißchen:
Hey Bär, komm her!
Und knuddeln und zwacken!

Rosenrot:
Wir binden dir die Ohren zusammen

Schneeweißchen:
Und geben dir lauter lustige Namen
Wir k nuffen und walken dich runter und rauf

Rosenrot:
Dann hupfen und springen wir auf dich drauf.
Wir ziehn dich am Schwanz und haun auf dich ein
Und solltest du brummen, dann lachen wir drein!

Bär:
(lachend)
Gemach, gemach, ich werd mich ergeben.
Doch, Kinder, lasst mich bitte am Leben!

Schneeweißchen und Rosenrot:
Schlägst dir den Freier tot.
Schockschwere Not!

Mutter:
Schlafenszeit! Bär, du kannst in Gottes Namen da am Herde liegen bleiben; so bist du vor der Kälte und dem bösen Wetter geschützt.

Schnurre:
Und alle gingen schlafen.

Lied:
Alle sagen gute Nacht.
Keiner hier im Hause wacht.
Nur im Wald, da schreit die Eule,
Lockt im Dunkeln mit Geheule,
Hofft auf Beute mit Bedacht,
mit Bedacht.

Gute Nacht du kleines Kind!
Dass wir hier zusammen sind,
Ist ein Glück, das manche missen,
Die - allein auf ihren Kissen -
einsam wie ein Blatt im Wind,
Blatt im Wind.

Leise, leise nun ist Ruh.
Schließ die müden Augen zu.
Die im Schlaf von Liebe träumen,
In der Nacht doch nichts versäumen.
Von der Liebe träum auch du!
Träum auch du

(...)

© Hartmann & Stauffacher


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Anna Cron