Der Sturm

„Der Sturm" von W.Shakespeare

Prospero, Herzog von Mailand, wurde von seinem Bruder Antonio der Macht beraubt und zusammen mit seiner Tochter Miranda und ein paar Büchern in einem untauglichen Kahn ausgesetzt. Sie haben Glück und landen auf einer einsamen Insel. Prospero unterwirft sich mit Hilfe der weißen Magie Caliban, den Eingeborenen und Herrscher der Insel und Luftgeist Ariel.

Ein Zufall bringt Prosperos alte Feinde in seine Nähe. Prospero lässt Ariel einen Sturm entfachen, der ihr Schiff zum Stranden bringt, und dafür sorgen, dass sich die Schiffbrüchigen einzeln auf die Insel retten können.

Die erste Gruppe: Antonio, Prosperos Bruder und unrechtmäßiger Herzog von Mailand, Alonso König von Neapel und Beteiligter am Komplott um Prosperos Entmachtung, dessen Bruder Sebastian, der das Schwert gegen Alonso erhebt; und Gonzalo, ein treuer Rat des Königs, der auch Prospero wohl gesonnen ist.

Die zweite Gruppe: der Trunkenbold Stephano und der Diener Trinculo. Sie treffen auf den verbitterten Caliban und planen gemeinsam mit ihm einen Anschlag auf Prospero.

Ganz alleine und in der Gewissheit, sein Vater sei im Sturm umgekommen, irrt Alonsos Sohn Ferdinand über die insel. Er trifft auf Miranda und die beiden verlieben sich ineinander. Das ist zwar ganz in Prosperos Sinn, doch unterzieht er Ferdinand erst einmal einer harten Prüfung.

Prospero verbreitet mit Ariels Hilfe und seiner Zauberkunst unter den Gestrandeten Angst und Schrecken, bis er sie schließlich alle zusammen führt, in einem Akt des Großmuts in seine Vergebung einschließt und Ariel die versprochene Freiheit wieder gibt.

Nachdem Prospero seine Pläne vollendet hat,zerbricht er seinen Zauberstab. Das Schiff sticht in See und bringt ihn mit der gesamten Mannschaft in die Heimat zurück. Caliban bleibt alleine zurück.

 

Akt II  - Zweite Szene

Ein anderer Teil der Insel

Auftritt Caliban mit einem Holzbündel. Donnergrollen

Caliban:
Die Sonne soll den Qualm aus Abflussgruben
Und Gülle saugen und auf Prosper schütten,
Dass er dahin siecht. Seine Geister hörn mich.
Doch muss ich fluchen. Nein, sie tun mir nichts,
Sie kneifen nicht, erschrecken mich auch nicht.
Sie haun mich nicht in‘n Dreck oder verarschen
Mich nicht als Irrlicht, wenn er‘s nicht befiehlt.
Für jeden Rotz hetzt er das Pack auf mich.
Als Affen, die mir Fratzen schneiden, kreischen
Und mich dann beißen; auch als Stachelschweine,
Die mir in meine nackten Füße ihre
Verflixten Nadeln schießen; und als Ottern,
Da beißen sie mich wund und zischen,
Dass ich bekloppt werd.

(Auftritt Trinculo)

Da schau her, was sag ich,
Da kommt so‘n Geist von ihm, um mich zu quälen,
Ich bring das Holz zu lahm. Ich schmeiß mich hin,
Vielleicht bemerkt er mich dann nicht.

Trinculo:
Hier gibts weder Busch noch Gestrüpp, wo man sich vor dem Wetter verkriechen kann. Da braut sich schon wieder der nächste Sturm zusammen. Ich hör bereits den Wind tosen. Die schwarze Wolke da, das Riesending, schaut aus wie‘ne gefährliche Schlange, die gleich ihr Gift verspritzen will. Wenn gleich nochmal der Blitz so einschlägt wie vorhin, dann weiß ich nicht, wo ich meinen Schädel hin stecke. Und die dicke Wolke dort, die kann gar nicht anders, als runter schiffen wie aus Eimern. Ja, was haben wir denn da? Mensch oder Fisch? Tot oder lebendig? Ein Fisch; stinkt wie‘n Fisch! Schon ein recht alter, vergammelter Fischgestank. So‘ne Art Stockfisch, aber echt nicht mehr ganz taufrisch. Komischer Fisch! Wenn ich jetzt in England wär, wie früher mal und würde nur ein gemaltes Bild von dem ausstellen, gäb‘s keinen Touristen, der mir nicht einen Haufen Kohle nur für‘s Anschauen geben würde. Da würde das Monster seinen Mann stehen. So manches verrückte Vieh ernährt seinen Mann. Einem blinden, lahmen Bettler geben sie nichts um am Leben zu bleiben, aber um sich ne Indianermumie anschaun zu dürfen, drücken sie ein Vermögen ab. Beine wie‘n Mann, die Flossen wie Arme! Oh Gott, der ist warm! Ich ändere augenblicklich meine Meinung: Dies ist kein Fisch. Das ist‘n Insulaner, der vom letzten Blitzschlag zu Boden gestreckt worden ist.

(Es donnert)

Ojemineh, da kommt der Sturm zurück! Das Beste wär, unter seinen Mantel zu kriechen. Weit und breit nichts zu sehen, wo man sich unterstellen kann. Aber in der Not nimmt man so manchen Bettgenossen in Kauf. Ich kriech hier unter, bis das Schlimmste vorbei ist.

(Auftritt Stephano, singend, eine Flasche in der Hand)

Stephano:
Nie mehr fahr ich zur See, zur See
Ich sterbe hier an Land

So ein saublödes Lied, genau das Richtige für eine Beerdigung; komm her, mein Trost!

(Trinkt und singt)

Der Käptn, der Bootsmann, der Koch und der Maat
Der Skipper, der Junge und ich,
Wir liebten Kathrin, Marielle, Hildegaad,
Doch Trude, die liebten wir nich;
Denn sie trug das Haar auf der Zunge
Und kläffte nur: „Häng dich auf, Junge!“
Sie hatte die Schnauze voll von Teer,
Von Rum, Tabak, von Salz und vom Meer.
Nur ihr Schneider, der durfte sie kratzen.
Hol der Henker die falschen Katzen!

Ein Scheißlied! Komm her, mein Trost!

(Er trinkt)

Caliban:
Oh bitte, bitte tu mir nichts!

Stephano:
Was ist denn hier los? Gibt‘s hier Teufel? Macht ihr uns hier Zaubertricks vor mit Voodoo und so und Tralafitti? Meinst du, ich bin dem Ersaufen entkommen, dass ich jetzt Angst vor deinen vier Beinen hab? Denn wie das Sprichwort sagt: „Jeder richtige Mann ist schon mal auf vier Beinen gekrochen.“ So soll es sein, zumindest solange Stephano die Nüstern bläht.

Caliban:
Hilfe, der Geist greift mich an!

Stephano:
Na sowas, ein vierbeiniges Inselmonster, das vermutlich am Veitstanz leidet. Wo, zum Teufel, hat‘s unsre Sprache gelernt? Ich werd ihm ne Stärkung verabreichen, und wenn‘s nur wegen der Sprache ist. Aus dem mach ich was, den zähm ich, und dann nehm ich ihn mit nach Neapel und mach tierisch Kohle mit dem. Da brauch ich mich hinter keinem Kaiser zu verstecken, der jemals seinen Fuß in einen Schuh gesteckt hat. Das wird die Sensation!

Caliban:
Bittebitte, mach mich nicht fertig! Ich mach auch ganz schnell mit dem Holz.

Stephano:
Jetzt hat er wohl einen Anfall und quatscht lauter Unsinn. Ich geb ihm das Fläschchen. Wenn er noch nie Wein getrunken hat, wird ihm das seinen Veitstanz schon austreiben. Wenn ich den hinkrieg und zahm bekomme, dann kann ich gar nicht genug für ihn verlangen. Der soll ruhig kräftig in die Tasche greifen, der ihn haben will - und nicht zu wenig.

Caliban:
Du hast mir noch nicht besonders weh getan, aber gleich legst du richtig los. Das merk ich am Zittern, dass Prospero auf dich wirkt.

Stephano:
Na komm schon, hier spielt die Musik! Mach‘s Mäulchen auf; jetzt gibts was Feines, das dich zum Miauen bringt, mein Kätzchen! Schön‘s Mäulchen aufgemacht! Das wird dein Schütteln weg schütteln, aber mit Schmackes. Du weißt nicht, wer dein Freund ist. So, auf einem Bein steht man schlecht, also gleich nochmal die Beißerchen auseinander!

Trinculo:
Na hör mal, die Stimme kenn ich doch! - Hört sich an wie... aber nein, der ist ertrunken; das sind Teufel! - Oh Hilfe, alle guten Geister steht mir bei!

Stephano:
Vier Beine und zwei Stimmen! Ein wunderbares Monster, Klasse! Seine vordere Stimme hat‘s für‘s Süßholzraspeln, die hintere für‘s Fluchen. Und wenn ich die ganze Flasche investieren muss, ich krieg‘s wieder auf die Beine. Los, trink! - Amen! Ich schütte noch was in‘s andere Maul.

Trinculo:
Stephano!

Stephano:
Dein anderes Maul ruft mich? Gnade! Gnade! Das ist ein Teufel und kein Monster! Ich hau ab! Ich will den Löffel noch nicht abgeben!

Trinculo:
Stephano! Wenn du Stephano bist, dann fass mich an und sprich mit mir; denn ich bin Trinculo, - hab keine Angst - dein guter alter Freund, Trinculo.

Stephano:
Wenn du Trinculo bist, dann komm raus! Ich zieh dich an deinen dünneren Beinen. Wenn zwei von den Beinen seine sind, dann die da. Du bist ja tatsächlich Trinculo! Hundert Pro! Eh, sag mal, wie bist du an den Arsch von dem Mondkalb gekommen? Kann der etwa Trinculos furzen?

Trinculo:
Für mich war der vom Blitz erschlagen. Aber bist du denn nicht ertrunken, Stephano? Ich will doch wohl schwer hoffen, dass du nicht ertrunken bist. Ist der Sturm vorbei? Ich hab mich aus Angst vor dem Sturm hier unter dem Mantel von dem toten Mondkalb versteckt . Und du bist echt am Leben, Stephano? Oh Stephano, zwei Neapolitaner entkommen!

Stephano:
Bitte, nicht ganz so stürmisch. Mein Magen hat sich noch nicht ganz beruhigt!

Caliban:
Tolle Sache, wenn das keine Kobolde sind. Der da ist der liebe Gott mit einem himmlischen Tröpfchen! Ich knie besser vor ihm nieder!

Stephano:
Wie bist du davon gekommen? Wie bist du hier her gekommen? Schwör bei dieser Flasche, wie du hier her gekommen bist! Ich hab mich auf einem Sektfass gerettet, das die Seeleute über Bord geschmissen hatten. Das schwöre ich bei dieser Pulle, die ich mir mit meinen eigenen Händen aus einer Baumrinde geschnitzt hab, nachdem‘s mich an Land geworfen hat.

Caliban:
Ich schwör bei dieser Pulle, dass ich dein treuer Diener sein will, denn dein Getränk ist nicht von dieser Welt.

Stephano:
Hier, schwör jetzt, wie du entkommen bist!

Trinculo:
An Land geschwommen, Mann, wie‘ne Ente. Ich kann schwimmen wie‘ne Ente. Das will ich gerne schwören.

Stephano:
(hält ihm die Flasche hin)
Da küss die Bibel! Du kannst vielleicht schwimmen wie‘ne Ente, aber schaust aus wie ein Schluckspecht.

Trinculo:
Oh Stephano, hast du davon noch mehr?

Stephano:
Das ganze Fass, Mensch! Der Keller, wo ich meinen Wein versteckt hab, ist in einer Felsenhöhle am Strand. Hi Mondkalb, wie geht‘s wie steht‘s? Was macht der Veitstanz?

Caliban:
Bist du nicht vom Himmel gefallen?

Stephano:
Doch, direkt vom Mond, das kann ich dir flüstern. Ich hab‘ne Zeitlang als Mann im Mond gejobt.

Caliban:
Ich hab dich dort gesehn, und ich bete dich an! Meine Chefin hat mir dich und deinen Hund und deinen Busch gezeigt.

Stephano:
Na komm, schwör‘s! Küss die Bibel! Dann werd ich sie mit neuem Inhalt auffüllen. Schwör!

Trinculo:
Bei Licht betrachtet, ist das aber ein recht naives Monster! Und vor dem hab ich Angst gehabt! Ein Schwachmann! Der Mann im Mond! So ein doofes Monster! Glaubt jeden Scheiß! Aber hat‘n guten Zug am Leib, mein lieber Scholli!

Caliban:
Ich werd dir jeden Zentimeter fruchtbares Land auf der Insel zeigen. Und ich werde dir die Füße küssen. Ich bitte dich, sei mein Gott!

Trinculo:
Sapperlott, So ein besoffener Schlawiner! Wenn sein Gott pennt, klaut er ihm die Pulle.

Caliban:
Ich küss dir die Füße! Ich schwöre dir untertänigst Gehorsam.

Stephano:
Dann runter auf die Knie und schwören!

Trinculo:
Ich könnt mich totlachen über den! Ein Gesicht wie‘n junger Bernhardiner! Echt, ein superdämliches Monster! Ich hätte Lust, ihm ein paar zu ballern.

Stephano:
Los, küss!

Trinculo:
Aber der arme Kerl ist doch breit wie‘ne Haubitze. Ein abscheuliches Monster!

Caliban:
Ich zeig dir die schönsten Quellen. Ich pflück dir Beeren, fange Fische für dich und bring dir immer genug Holz. Dem Kerl, dem ich jetzt dien, die Pest an den Hals. Nicht einen Spreissel kriegt der mehr von mir. Ich folge dir, du Wundermann.

Trinculo:
Echt ein lächerliches Monster. Macht aus einem alten Saufkumpan ein Wunder!

Caliban:
Ich bitte dich, dass ich dich an eine Stelle führen darf, wo Granatapfelbäume wachsen; mit meinen langen Fingernägeln grab ich dir Trüffel aus. Ich zeig dir ein Falkennest und wie man Affen fängt. Ich bring dich zu prall gefüllten Haselnusssträuchern und hol dir junge Seemöwen vom Felsen. Willst du mit mir gehn?

Stephano:
Und ich bitte dich, dass du den Weg zeigst, aber dein Geschnatter einstellst. Trinculo, der König und unsre ganze Mannschaft sind abgesoffen, das heißt, die Insel gehört uns. Da, trag die Pulle, Bruder Trinculo, wir werden sie gleich wieder füllen.

Caliban:
(betrunken, singt)
Nie mehr werd ich für sie fischen,
Feuer machen,
Glut entfachen,
Töpfe schrubben, Böden wischen!
Ban Ban Caliban
Hat‘n neuen Boss, ist‘n neuer Mann.
Eine neue Zeit bricht an.
Freiheit, Freiheit!

Stephano:
Klasse, mein Monster! Zeig uns den Weg!

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Anna Cron