Land nach Sturm

Sie sitzt am Fenster und sieht in den Innenhof. Sie beobachtet die wechselnden Lichtstimmungen, die Wolkenbildung, die Vögel, die über den Hof hinweg ziehen. Mit einem Fernglas beobachtet sie die Menschen in ihren Wohnungen und macht sich über sie ihre Gedanken. Dreimal war sie schwanger gewesen. Das erste Mal hat sie sich von ihrem ersten Mann zur Abtreibung drängen lassen. Die zweite Schwangerschaft endete mit einer Totgeburt, und die dritte mit einer Fehlgeburt im dritten Monat. Sie, aus deren Leben „nichts als der Tod geboren ist“, saugt sich voll mit fremdem Leben. Seit Jahren tut sie nichts anderes. Sie geht nicht mehr aus. Mit ihrem Ehemann hat sie nicht mehr viel zu schaffen. Die beiden leben mehr schlecht als recht nebeneinander her.

Eines Tages beobachtet sie im Haus gegenüber die Vergewaltigung eines Kindes und ruft anonym bei der Polizei an, die die Wohnung stürmt und das Kind befreit. Doch nun erfährt die Sinnfrage ihres eigenen Lebens einen neuen Wert. Sie erinnert sich an ihre eigene Kindheit, an ihre Mutter, die im Meer ertrank. Die Polizisten klingeln schließlich an ihrer Wohnung, doch sie öffnet nicht, und die Beamten gehen unverrichteter Dinge weg. Sie steigert sich nun in eine Panik hinein, der sie letztlich nicht gewachsen ist.

Leseproben aus dem Roman ↗


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Anna Cron