Ein Sommernachtstraum

„Ein Sommernachtstraum“ von William Shakespeare

Theseus und Hippolyta wollen Hochzeit feiern. Zwei liebende Paare vom Vater behindert, flüchten in den nächtlichen Wald, in dem brave Handwerker ein Festspiel zur herzöglichen Vermählung einstudieren. Aber es ist Mittsommernacht; sie geraten in Oberons und Titanias Elfenreich, die miteinander streiten, weil sie einen kleinen Pagen hat, den er will. Nun beginnt ein Spuk und ein Traum, dass am Ende niemand mehr weiß, wo die Wirklichkeit aufhört und das Märchen anfängt. Titania schläft im Wald ein, Oberons geschwinder Helfer Puck verwünscht sie: dem ersten, den sie beim Erwachen erblickt, soll ihre Liebe gehören. Dann zaubert er Zettel, dem Weber, der mit seinen Gefährten sein Spiel probt, einen Eselskopf auf. Titania erwacht, erblickt den Verzauberten und schließt ihn selig in ihre Arme.
Gleiche Verwirrrung bringt der Waldgeist über die beiden liebenden Paare: jeder wendet sein Herz beim Erwachen der zuerst erblickten Person zu. Nichts bleibt bestehen, kein Schwur, keine Liebe. Durch den nächtlichen Wald hallen Klage und Gelächter, bis beim ersten Strahl des Lichts der Spuk verfliegt, Titania in die Arme Oberons, jedes der Liebenden an die Brust des Rechten sinkt und mit dem Schauspiel vor Theseus das Ganze heiter und festlich in einer zauberhaften Unwirklichkeit verklingt.

 

Akt II, Erste Szene

Auftritt Puck und Elf von verschiedenen Seiten

Puck:
He Waldgeist, wohin des Wegs?

Elf:
Über Täler und Höhn
Durch Gestrüpp durch Gemäuer
Über Wiesen und Seen
Durch Fluten, durch Feuer
Wandle ich schneller als der Schall
Oder des Mondes Silberball
Dien der Königin der Elfen
Muß beim Abendtaun ihr helfen.
Die Primeln sind bei ihr im Fürstenstand
Tupfen auf ihrem goldnen Gewand
Sind Rubine von Feen geschenkt
Die ihren Duft durch die Lüfte geschwenkt
Ich suche Perlen aus Tau hier in Mengen
Um sie den Primeln ans Ohr zu hängen
Machs gut, du Kobold, ich muss gehn
Königin und Elfen sind dort schon zu sehn

Puck:
König Oberon feiert heut nacht hier ein Fest
Und wehe, wenn sie sich nur blicken läßt!
Er schäumt, weil Titania sich einen Knaben
Von Indiens König stahl und will ihn haben
Ein schönres Kind gabs nie hierzuland
Der König vor Eifersucht wutentbrannt
Hätte ihn gern als Knappen zur Jagd
Im finsteren Wald, so hat er gesagt.
Sie aber gibt ihm den Knaben mitnichten
Behängt ihn und schenkt ihm ihr Herz - was weiß ich denn
Doch wo immer der König sein Eheweib trifft
Sülzt er sie zu mit Galle und Gift
Dann streiten die zwei, daß die Elfen erschrecken
Und sich vor Angst unter Eicheln verstecken.

Elf:
Wenn mich nicht alles täuscht, bist du der Geist,
Der witzig ist und frech und Robin Gutfreund heißt;
Der ständig neuen Schabernack ausheckt
Und in den Dörfern junge Mädchen neckt,
Der, dass der Frau das Buttern nicht gelingt,
Die Milch entrahmt, der in die Fässer springt
Und dort das Bier zur schalen Brühe macht
Den Wandrer irreführt in dunkler Nacht.
Doch wer dir schmeichelt und dich gerne mag
Der hat nur Glück mit jedem neuen Tag.
Stimmts oder nicht ?

Puck:
Da hast du recht gedacht!
Ich bin der Geist, der stets verneint

Elf:
Das war ein anderes Stück

Puck:
Ach so! Nun gut: Da hast du recht gedacht
Ich bin der Geist, der umgeht in der Nacht.
Der König Oberon zum Lachen bringt,
Wenn ich ein fettes Ross, das furzt und stinkt,
Weils nichts als Bohnen frisst vom Fressnapf locke
Mit Stutenbrunstgewieher oder hocke
Dem Klatschmaul wie ein Äpfelchen im Glase
Und wenn es trinken will, hupf ich ihm an die Nase.
Dass ihm vom Most die dicke Wampe trieft.
Und wenn die Witwe, die vor Trauer schnieft,
Mich für den Stuhl hält und sich breit drauf macht
Hau ich ihr auf den Hintern, dass es kracht
So kommt sie auf dem fetten Arsch zu liegen
Dass alle Leute sich vor Lachen biegen
Und jeder sofort Stein und Bein drauf schwört
Er hätt nix Bessres je gesehen und gehört.
Doch pack dich weg, Elf, dort kommt Oberon

Elf:
Und dort kommt seine Frau. Das kommt davon!

(Oberon mit Gefolge von der einen Seite, Titania mit Gefolge von der anderen)

Oberon:
Hier also treff ich dich, du stolzes Luder!

Titania:
Mein eifersüchtger Gatte! Nichts wie weg!
Mit dem will ich nichts mehr zu schaffen haben.

Oberon:
Du bleibst, du Schlampe! Bin ich nicht dein Herr?

Titania:
Ach ja? Dann müsst ich deine Herrin sein!
Doch weiß ich noch, wie du dich fortgeschlichen
Hast aus dem Elfenland und ganze Tage
Geschmachtet hast, dieFlöte in der Hand,
Nur weil du scharf auf Phyllis warst! Glaubst du,
Ich weiß nicht, was dich heut nach Hause führt
Vom hinterletzten Winkel Indiens
Weil deine Flintenschnalle Hyppolita
Dein Amazonenweib gestiefelt und gespornt
Demnächst ins Ehebett mit Theseus steigt.
Und du Idiot willst sie sogar noch segnen
Mit Lust und Fruchtbarkeit. Dass ich nicht lache!

Oberon:
So eine Frechhheit! Dass du dich nicht schämst,
Mir das mit Hyppolita vorzuwerfen.
Als wüsste ich von dir und Theseus nichts!
Du hast ihn durch die Sommernacht gelockt
Nachdem er Perigenia flachgelegt.
Durch dich ist er der Aigle und Ariadne
Und selbst der Antiopa fremdgegangen.

Titania:
Nur Hirngespinste deiner Eifersucht!
Nicht einmal kamen wir den Sommer
In Wald und Wiese, Tal und Berg zusammen,
An keiner Quelle, keinem Wasserfall
Auch nicht am weißen Strand, wohin der Wind
Zum Tanz uns rief, mit seinem wilden Lied
Ohne dein ekliges Gekeif zu hörn.
Drum hat der Wind aus Rache überm Meer
Die dicken Nebelschwaden aufgesogen
Und schüttet sie als Regen übers Land
Dass schon der kleinste Bach aus Übermut
Die Dämme niederreißt mit seiner Flut.
Der Ochse hat umsonst im Joch geächzt
Der Bauer hat umsonst geschwitzt. Das Korn
Verfault bereits am jungen grünen Halm
Die Scheuern leer im abgesoffnen Feld
Die Raben fressen das verseuchte Vieh
Die Mühlen stecken fest im dicken Schlamm
Kein Weg ist mehr zu sehn in all dem Dreck
Nichts Grünes mehr, nur Unrat und Gestrüpp
Die Menschen sehnen sich den Winter her
Kein Abendsegen weder Lied noch Lust
Drum hat der Mond, der alle Flut beherrscht,
Von Zorn erbleicht die Atemluft vereist.
Und Rheuma sucht die armen Leute heim,
Die solcherart zerrüttete Natur
Verändert ihren Lauf: der Silberfrost
Beißt sich im Schoß der Purpurrose fest.
Des Wintergottes Krone, eisbereift
Ziert süße Sommerknospen wie zum Hohn.
Die Jahreszeiten, Frühling, Sommer, Herbst
Und Winter tauschen trügerisch das Kleid
Verrückte Welt! Wer weiß schon, was was ist.
Und alle Plage, kommt von dir und mir
Von unsrer Eifersucht und Streiterei
Wir haben sie geschaffen und genährt.

Oberon:
Dann mach doch Schluss damit! Es liegt an dir.
Was musst du dich mir widersetzen?
Ich will nicht mehr als diesen Wechselbalg
Zum Pagen haben.

Titania:
Schlags dir aus dem Kopf!
Das Feenland kauft mir das Kind nicht ab.
Nein! Seine Mutter war mir eine Freundin
Und hat mit mir so manche schöne Nacht
In Indiens würzig frischer Luft verquatscht.
Wie häufig saßen wir zu zweit am Strand
Und sahn die Handelschiffe auf dem Meer
Und lachten, wenn der Wind die Segel füllte
Die wie geschwängert stolz die Bäuche reckten.
Sie machte es mit kleinen Schrittchen nach
- Denn sie war selber schwanger mit dem Kind -
Und segelte zum Spaß davon und brachte
Von ihrer „Fahrt“ Geschenke für mich mit.
Doch sie war sterblich; starb bei der Geburt
Und ihr zulieb zieh ich den Knaben auf
Und ihr zuliebe geb ich ihn nicht her!

Oberon:
Wie lang gedenkst du hier im Wald zu bleiben?

Titania:
Vielleicht bis nach des Theseus Hochzeitstag.
Wenn du in unsrer Runde tanzen willst
Und unsre Mondscheinspiele sehn, dann komm!
Ansonsten mach, daß du an Land gewinnst!

Oberon:
Gib mir das Kind, dann bleib ich hier bei dir!

Titania:
Nicht um dein ganzes Elfenkönigreich!
Schnell weg hier, Elfen, denn wir streiten gleich.
(mit Gefolge ab)

Oberon:
Geh nur! So leicht kommst du mir nicht davon
Bevor ich dir die Frechheit heimgezahlt.
He, Puck! Komm her! Erinnerst du dich noch,
Ich saß einmal in einer Felsenbucht,
Als ein Delphin ein Meerjungfräulein trug;
Das sang so sphärisch schöne Harmonien,
Dass selbst die rauhe See besänftigt ward.
Und mancher Stern schoss wild aus seiner Bahn
Um zuzuhören.

Puck:
Ich erinnre mich.

Oberon:
Doch sah ich auch, was du nicht sehen konntest:
Wie zwischen kaltem Mondlicht und der Erde
Amor gerüstet durch den Äther flog.
Und jene Jungfrau, die im Westen thronte
Mit seinen Waffen sicher anvisierte.
Er schoss den Pfeil mit einer solchen Wucht,
Als sollt er Tausend Herzen gleich durchbohren.
Dann sah ich wie das glühende Geschoss
Im feuchten Dunst des prüden Monds verlosch.
Das göttliche Geschöpf indes ging weg,
Gedankenvoll, doch von der Liebe frei.
Nun suchten meine Augen Amors Pfeil
Und fanden ihn auf einem kleinen Kraut
Das vorher weiß, nun rot von Liebesweh.
Die Mädchen nennens Mauerblümchen nur.
Hol es sofort, - ich habs dir mal gezeigt!
Sein Saft hat Zauberkräfte. Tropft man ihn
Den Schlafenden auf jedes Augenlid,
So werden sie verrückt - ob Mann ob Frau -
Vor Liebe nach der ersten Kreatur,
die sie, nachdem sie aufgewacht sind, sehn.
Bring mir das Kraut, doch sei zurück noch eh
Der Leviathan eine Runde schwimmt.

Puck:
Ich zieh dir um die Erde einen Ring
In keiner Stunde.
(ab)

Oberon:
Hab ich erst den Saft
Laß ich Titania nicht mehr aus den Augen
Und netze ihr die Lider wenn sie schläft.
Das erste was sie beim Erwachen sieht
Ob Löwe, Bär, ob Bulle oder Wolf
Schimpanse oder Nacktarsch-Pavian
Sie schmeißt sich ihm in Liebe an den Hals.
Und eher löse ich den Zauber nicht
- Denn das kann ich mit einem andren Kraut -
Als bis sie mir das Kind gegeben hat.
Da kommt jemand. Pssst! Ich bin unsichtbar
Und höre mir die Unterhaltung an.

(...)

© Hartmann & Stauffacher

 

Kräftiger Schuß Erotik in kühler Sommernacht

Das bekannte Schauspiel von Shakespeare lockte an zwei Abenden insgesamt 750 Besucher auf die Kyrburg

Den Temperaturen nach war es ein recht kühler Traum, trotzdem entführte das Ensemble der Burghofbühne Dinslaken knapp zwei Wochen nach der Premiere in Bergisch Gladbach an zwei Abenden die gut 750 Zuschauer aus der näheren und weiteren (Köln, Düsseldorf, Mannheim etc.) Umgebung auf der Kyrburg mit William Shakespeares Schauspiel „Ein Sommernachtstraum“ zurück in das alte Athen und gleichzeitig auch in die Welt der Geister und Kobolde. (...)

Eine perfekte Darbietung, die sich in die Kulisse der alten Burg ganz hervorragend einfügt, und das, ohne dabei antiquiert und verstaubt zu wirken. Erster Pluspunkt für das Bühnenbild und die Inszenierung, die nicht mit historischen Kostümen arbeitete, sondern die Darsteller im leicht schmierigem Outfit der siebziger Jahre auftreten ließ und auch bei der Dekoration wurde auf überflüssigen Glamour verzichtet. (...)

Dazu paßte die Übersetzung von Anna Cron, die sich von dem meistens gespielten Text aus der Werkstatt von ihren Vorgängern Schlegel und Tieck dadurch unterscheidet, daß sie auch die Passagen sinngemäß überträgt, an denen sich die Übersetzer früherer Zeit gestört haben: Nämlich das, wo Shakespeare keinesfalls so elitär und abgehoben ist, wie man ihn gerne darstellt, sondern recht deftig und deutlich mit pikanten Einzelheiten umgeht.

Das Stück lebt von Zweideutigkeiten und Anzüglichkeiten und Regisseurin Gabriele Wiesmüller hat nicht vergessen, die richtige Portion Erotik in die Inszenierung zu packen. Schließlich ist der Sommernachtstraum eine Komödie für das einfache Volk gewesen und dem mußte etwas geboten werden. So ist es der Gruppe gelungen, Shakespeare von dem hohen Sockel zu holen, auf den er gerne gestellt wird. (...)

Martin Schupp, Allgemeine Zeitung (Kirn a.d. Nahe), 25.05.1999

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Anna Cron