„Friedman Family Fortune“ von David Gow

Akt II - Szene Sechs

Donnerstag Morgen. Der Tag der Versammlung.
Geoffrey geht die Treppe hoch. Sol kommt herunter

Geoffrey:
Ich fahre nach Hause.

Sol:
Du gehst zurück, um zu malen?

Geoffrey:
Ja.

Sol:
(Pause) Recht so.

Geoffrey:
Ich gehe hoch, packen.

Sol:
Schön.

Geoffrey ab nach oben. Stephanie tritt durch die Halle herein. Sol bemerkt sie.

Sol:
Guten Morgen!

Stephanie:
Hi!

Sol:
Ich fühle mich entsetzlich wegen gestern abend. Ich hätte die Dinge nie so entgleiten lassen dürfen.

Stephanie:
Es ist noch verletzender, dass du mir in den letzten paar Monaten nie zugehört hast.

Sol:
Ich hatte immer das feste Trugbild im Kopf, genau zu wissen, was die richtige Art zu leben für dich ist. Kinder, ein nettes Heim und ein ruhiges Leben.
(Pause)

Stephanie:
Daran würde ich im Traum nicht denken, Dad. Bist du damit einverstanden, dass ich heute die Leitung übernehme?

Sol:
Ich bitte dich darum.

Stephanie:
Du bittest mich...?

Sol:
Du bist meine sicherste Aktie. Ab einem bestimmten Punkt braucht man das Vertrauen, dass die Dinge sich richtig entwickeln. Ich habe Vertrauen.

Stephanie:
Ich werde noch richtig rot vor Stolz, wenn du das sagst.

Sol:
Ich würde es begrüßen, wenn du mich ab und zu um Rat fragen würdest.

Stephanie:
Na klar doch, das werde ich.

Sol:
Es gibt noch etwas, was mir sehr wichtig wäre, dir zu erzählen. Ich werde versuchen, es so kurz wie möglich zu machen.

Stephanie:
Wir haben noch ungefähr eine Stunde...

Sol:
Ganz so lange wird‘s nicht dauern. Nach dem Krieg wollten alle Jungs, die wir kannten, Klasse sein, gut aussehen, weißt du... Jeder wollte glänzende Stiefel, wie die Offiziere sie getragen hatten. Aber wenn man ein schönes silbernes Zigarettenetui mit seinen eigenen Initialen darauf hatte, oh, dann war man wer. Max stand vor seiner Bar Mitzvah. Die Stiefel hatte er sich selbst zusammen gespart, aber er wünschte sich so ein Etui, verstehst du? Daddy versuchte ihm zu erklären, dass so ein Ding recht teuer war, wegen dem Silber. „Wos will a Jingele as du mit asoi a Etui?“ Max kriegte einen Wutanfall, derartig schlimm, ich meine, er war erst zwölf. Nicht dass sich sein Benehmen geändert hätte, er ist ein kleiner Junge geblieben. Wie auch immer, man konnte sehen, wie sehr es Daddy verletzte, dass er seinem Sohn den Wunsch nicht erfüllen konnte, besonders jetzt nach dem Krieg, wo wieder alles möglich schien. (Pause) Also arbeitete Daddy extra lang. Er ging morgens aus dem Haus, als noch alles in den Federn lag und kam in der Nacht zurück, so dass wir ihn nie zu Gesicht bekamen. Er mistete Pferdeställe aus am frühen Morgen und stellte spät in der Nacht in einem Hotel die Stühle und Tische zusammen. Und das vor und nach einem langen, schweren Tag bei uns im Geschäft. Jahre später hat er mir mal erzählt, dass ihm der Maitre d‘hotel gesagt hat: „Komm nicht stinkend wie ein Gaul, Jude, das macht sich nicht gut bei uns im Restaurant.“ Aber es war sein Stolz, sein Stolz, das für seinen Sohn zu tun, obwohl es ihm, lass es mich sagen, nicht gerade blendend ging...

Stephanie:
Dad, du kannst es ruhig sagen, er war arm.

Sol:
Oh nein, nicht arm. Er war stolz, und er war ein guter Mensch. Er wollte für uns Kinder das Beste. Er kaufte das Etui; er schenkte es Max am Tag seiner Bar Mitzvah und sagte zu ihm: „Du bist jetzt ein Mann, aber du musst lernen, ein wahrhaft guter Mann zu werden!“ Er sagte Max, dass er alles in das Etui hinein gravieren lassen könnte, was er wollte; es wäre im Preis inbegriffen. Man konnte richtig sehen, wie sehr sich Max grämte, weil er vorher so einen schlimmen Wutanfall gehabt hatte. Er brachte das Etui noch am selben Tag zum Juwelier und überraschte jeden damit, dass er meine Initialen eingravieren ließ. Das hat mich immer mit einer gewissen Rührung für ihn erfüllt, auch wenn ich immer über ihn geschimpft habe. Dein Sejde (jidd. Opa) war so stolz auf Max. Deshalb... Also, ich gebe es dir jetzt.

Stephanie schweigt, gerührt von der Geste, blickt auf das Etui in ihrer Hand.

Sol:
... Es hat möglicher Weise sogar einen richtigen Sammlerwert. Auch die Stiefel, wenn er sie nicht weg geschmissen hat... Antiquitäten halt. Du zeigst es ihm heute.

Stephanie:
Dad, das ist ein... Ich mag es, danke. Es ist ein sehr schönes Etui...

Sol:
Das sind so die kleinen Dinge aus meiner Kindheit, an die ich mich erinnere. Die Dinge, die wie nichts anderes mein Verhalten geprägt haben. Letzte Nacht, nach diesem ganzen Schlamassel... war ich noch sehr spät auf. Ich habe aus dem Fenster hinaus auf den Nachthimmel geschaut, diese wundervolle Aussicht, für die ich so hart gearbeitet habe, um mir ein Stückchen davon kaufen zu können. Und ich sah plötzlich das Gesicht meines Bruders, als er jung war. Das Gesicht meines Vaters, meiner Mutter, als würden sie alle auf uns blicken, als wären sie da draußen vor dem Fenster und würden zu uns herein blicken. Ich sah die Gesichter von Verwandten und Familie, so wie sie früher mal waren. Ich sah sie genau so, wie ich dich jetzt sehe, über tausend Gesichter da draußen, die zu mir herein sahen. Seelen. Auch Seelen ohne Gesicht. Und sie sahen auf meine Familie, auf die Kämpfe und auf die Situation, in die ich mich selbst gebracht habe, und mit einem Mal dachte ich, dass es genau so gut meine Hand hätte gewesen sein können, die dich geschlagen hat und nicht Geoffreys.

(Pause)

Stephanie:
Danke für das Etui und was du mir damit sagen möchtest.

Sol:
Es war sogar richtig teuer für die späten Vierziger...

Stephanie:
Ich sollte mich allmählich auf den Weg machen. Es ist keine Stunde mehr bis zur Versammlung.

Sol:
Brauchst du mich, um für dich zu sprechen?

Stephanie:
(Pause) Dad, wahnsinnig gern, wenn du dich stark genug fühlst.

Sol:
Sicher. Sicher, das tue ich. Ich bin stolz auf dich. Ich wollte es um alles in der Welt nicht verpassen. Hör mal, ich denke Geoffrey... er hat verloren, ich muss mit ihm sprechen. Ich geh rauf und zieh mir einen Anzug an.

Stephanie:
Ich werde hier auf dich warten.

Sol:
(im Hinaufgehen) So viele Stufen in diesem Haus. Gar nicht so leicht zubewältigen.

Stephanie:
Ich werde hier auf dich warten.

Sie ist für einen Moment allein und sieht sich das Etui an. Geoffrey erscheint mit seinem Gepäck auf der Treppe. Er und Sol begegnen einander.

Sol:
Geoffrey, ich möchte mit dir sprechen, bevor du gehst.

Geoffrey:
Okay.

Sol:
Ein Moment. Bin gleich wieder da.

Geoffrey:
Ich wäre schon nicht gegangen, ohne mich zu verabschieden.

Sol:
Jetzt geh, sprich erst mit deiner Schwester. (verschwindet nach oben)

Geoffrey:
(sieht ihm nach) Er ist gut drauf.

Stephanie:
Ja, das ist er.

Geoffrey:
Ich wollte dich nicht...

Stephanie:
Angreifen?

Geoffrey:
Ja. Weiß der Teufel, was mich da geritten hat. Ich hätte mich raus halten sollen.

Stephanie:
Weißt du was? Das war schon alles genau richtig. Jetzt laufen die Dinge mit mir und Dad besser als je zuvor.

Geoffrey:
Ich wollte, das könnte ich auch sagen.

Stephanie:
Er wird dich verstehen; Du musst ihn nur genau im richtigen Moment erwischen.

Geoffrey:
Ja.

Stephanie:
Es war nicht gerade leicht für dich. Du hast mir meine Position streitig gemacht.

Geoffrey:
Stephanie, ich hatte nicht vor...

Stephanie:
Halt mal‘n Moment die Luft an. Ich will dir was gestehn. Du hast die Sache erschwert, und das hat mich ganz schön wütend gemacht. Aber du hast nicht umsonst gekämpft. (Pause) Ich beneide dich.

Geoffrey:
Wirklich?

Stephanie:
Ja.

Geoffrey:
Worum beneidest du mich?

Stephanie:
Um dein Leben. Deine Arbeit. Du kannst damit groß raus kommen.
(Pause) Ich möchte, dass du mir einen Gefallen tust.

Geoffrey:
Was?

Stephanie:
Dreh dich um!

Er dreht sich um und blickt die Treppe hoch. Stephanie tritt ihm in den Hintern. Geoffrey stößt einen Schrei aus und dreht sich erstaunt um.

Stephanie:
Schlag mich nie wieder!

Geoffrey:
Tut mir Leid. Tut mir Leid, Steph!

Stephanie:
(Hält ihn auf Armlänge) Noch etwas kannst du für mich tun.

Geoffrey:
Ja?

Stephanie:
(spaßend) Hau ab. Diese Stadt ist zu klein für uns beide, Kleiner!

Geoffrey:
Okay, ich nehme den Mittagsflug.

Annabelle kommt aus der Küche; sie trägt ein Tablett mit Frühstück für Sol, Wasser und seine Tabletten.

Annabelle:
War das nicht Sol's Stimme, die ich gerade gehört habe?

Stephanie:
Ja.

Annabelle:
Seid ihr mit einander klar gekommen?

Geoffrey:
Ja, Ma.

Annabelle:
Hast du dich entschuldigt, Geoffrey?

Stephanie:
Mehr als einmal. Hat er!

Annabelle:
Geoff, ich hab dir etwas Frühstück in der Küche hingestellt, du solltest eine Kleinigkeit essen, bevor du gehst. Ich werde dir in einer Minute Gesellschaft leisten.

Geoffrey:
Danke dir.

Annabelle:
Hast du mit deinem Vater gesprochen?

Geoffrey:
Noch nicht.

Annabelle:
Lass es laufen. Lass ihn zu sich selber kommen, und du wirst jede Zeit der Welt haben, um mit ihm zu sprechen.

Geoffrey:
Okay, Ma.

Annabelle:
Edgar hat angeboten, dich zum Flughafen zu bringen. Er wird in ein paar Minuten hier sein.

Geoffrey:
(noch einen Moment zögernd) In Ordnung.
(er geht ab in die Küche)

Annabelle:
Ich finde, du hast das alles sehr gut gemacht. Dein Vater scheint beruhigt. Sieht so aus, als wäre er einverstanden mit der Entscheidung.

Stephanie:
Das hoffe ich.

Annabelle:
Du hast eine Menge Druck raus genommen, und du hast es hervorragend hingekriegt.

Stephanie:
Schön, dass du das sagst, Ma.

Annabelle:
Er ist jetzt also oben? Zeit für seine Tabletten.

Stephanie:
Genau. Er wollte sich nur einen Anzug anziehen und mit zur Versammlung kommen. Ich glaube, er will ein paar Worte sagen.

Annabelle:
Meinst du, dass er damit klar kommt?

Stephanie:
Ich glaube, es würde ihm sogar gut tun.

Annabelle:
Schön. Aber er sollte direkt wieder nach Hause kommen. Ich will nicht, dass er dort rum hängt und in Diskussionen verwickelt wird.

Stephanie:
Ich kümmere mich darum.

Annabelle geht die Treppe hoch. Edgar kommt durch die vordere Tür. Geoffrey verschwindet in die Küche.

Edgar:
Hi.

Stephanie:
Auch Hi. Gehst du mit zur Aktionärsversammlung?

Edgar:
Ja, kurz. Ich will meinen Rücktritt bekannt geben.

Stephanie:
Das musst du nicht.

Edgar:
Für mich wird‘s Zeit.

Stephanie:
Wenn du willst, gibt es immer noch einen Job für dich.

Edgar:
Das glaube ich eher nicht. (Pause) Ich habe dir noch gar nicht gesagt, dass Clara und ich voran kommen mit der Scheidung.

Stephanie:
Tatsächlich?

Edgar:
Ja. Und ich wollte... natürlich nicht jetzt, aber ich wollte irgend wann mal, in nicht allzu ferner Zeit, dich ganz formell fragen, ob du Lust hast, mit mir auszugehn.

Stephanie:
Das wolltest du?

Edgar:
Ist das in Ordnung?

Stephanie:
Es ist in Ordnung, zu fragen. Da ist nichts dabei.

Edgar:
Na, dann... werde ich das später machen.

Stephanie:
(neckt ihn) Und ich wollte... natürlich nicht jetzt, aber ich wollte irgend wann mal, in nicht allzu ferner Zeit, dir ganz formell sagen: Ja!

Edgar:
Wirklich?

Stephanie:
Ja. Später! (küsst ihn)

Geoffrey:
(kommt herein während die beiden einander küssen) Edgar...

Edgar:
(fühlt sich sichtlich ertappt) Hast du alles reisefertig?

Geoffrey:
Alles gepackt... ich müsste nur vorher noch mal mit Dad sprechen.

Annabelle kommt langsam die Treppe herunter.

Stephanie:
Ist er bald fertig?

Annabelle:
Er trägt seinen Lieblingsanzug. Er sieht so wundervoll darin aus.

Stephanie:
Ma?

Annabelle:
Er liegt auf dem Bett in unserem Schlafzimmer.

Stephanie:
Und, kommt er runter?

Annabelle:
Nein, das tut er nicht. Er ist bereits gegangen. Er atmet nicht mehr.

Lähmende Stille. Geoffrey blickt verzweifelt. Annabelle ist unfähig, sich zu bewegen. Edgar sieht Stephanie an. Stephanie verharrt still, als hätte die Nachricht sie nicht erreicht.



Ende




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Anna Cron