Gunzenhausen im Mai - ein Spiel

Leseprobe - Zweite Szene

Rachel steht auf, betrachtet sich im weit entfernten Spiegel und singt

Rachel:
Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt.
Wenn es stets zum Schutz und Trutze, brüderlich zusammen hält.
Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt.
Deutschland, Deutschland über alles, über alles, über alles in der Welt.

Fritz:
Sehr gut! Eins zu Null für dich. Jetzt dreh dich langsam um. Zu mir! Sieh mir ins Gesicht. Sieh! Was siehst du?

Rachel:
Mich. Dich. Nicht wirklich.

Fritz:
Dann sieh genau hin. Was ist es, was du nicht wirklich siehst?

Rachel:
Deutschland. Ein Gesicht.

Auftritt Tourette. Sie schleppt einen Sack über die Bühne

Tourette:
Endlich, wer hätte das gedacht.
(bleibt stehen, reißt den Arm hoch, brüllt)
Fick Fotz Faheil Hitler!

Fritz:
Es ist nur ein Spiel. Ein Spiel ohne Gewinner und ohne Verlierer.Ein Spiel.

Rachel:
Ein Spiel, sonst nichts?

Fritz:
Genau. Jetzt hebe den rechten Arm. Den rechten. So ist es recht. Steh gerade. Die Augen nach oben gerichtet. Höher. Gut. Jetzt lächeln!

Rachel:
Das wird doch wohl nicht nötig sein. nach einer Weile: Ich kann das nicht.
Ich kann das nicht.

Eine schleppt sich über die Bühne

Eine:
(traurig)
Hüte dich vor der Zangengeburt. Sie reißt dir die Eingeweide in Fetzen. Hüte dich vor dem der alles kann, er kann dich vernichten.

Fritz:
Du willst nicht.

Rachel:
Ich kann nicht.

Fritz:
Du kannst nicht, weil du nicht willst.

Rachel:
(hebt den Arm, lächelt)
Es tut weh. Es tut weh. Mein Gesicht zerreißt -es reißt, es springt auseinander. Es springt auseinander!

Einer:
Vera? Vera? Vera? Vera ...

Pfleger:
Jaa, jaa.

Fritz:
Du machst das sehr gut. Was spürst du noch?

Rachel:
Nichts, nein, gar nichts.

Fritz:
Lassen wir das. Sing weiter! Die Beine...

Rachel:
(marschiert auf der Stelle)
Eins zwo! Eins zwo...! Wir sind die Herren der Welt, die Könige auf dem Meer!

Fritz:
Nein, denke nach! Was kommt davor?

Rachel:
Baruch ha schem...! Es kam was davor.

Fritz:
Rachel!

Rachel:
(marschiert weiter auf der Stelle)
Gott mit dir, du Land der Bayern, -

Fritz:
Bravo!

Rachel:
- deutsche Erde, Vaterland. sie stockt. In Gedanken versunken, weit weg:
Gunzenhausen...ich erinnere mich...Gunzenhausen im Herbst...

Einer:
Vera? Vera?

Pfleger:
Jaa, jaa...

Fritz:
Bleib da! Geh noch nicht! Bitte!

Rachel:
In den Augen hockte die Angst und ein Gefühl in der Brust wie ein Gewicht...

Fritz:
Sie geht. Sie schafft es nicht. Sie steigt einfach aus. Einfach so.

Rachel:
In Gunzenhausen lauert der Gwoinz, der Gwoinz, der umgeht in Deutschland. Er reitet einen blutroten Rappen, er ist ein Meister, sein Stachel ist deutlich zu sehen. Ich schreie, doch es nützt mir nichts, denn der Schrei ist eingefroren in meiner fieberheißen Brust, er versengt. Die Straße zerhallt, ein wild gewordener Steinhaufen zerschmettert den Asphalt wie morsche Knochen.
(plötzlich)
Unsre Fahne flattert uns voran! Unsre Fahne flattert uns voran! Sie flattert uns voran! Jawollja, das tut sie, sie flattert und zerbricht, was den Weg kreuzt.

Fritz:
Komm zurück, ich flehe dich an, komm zurück!

Eine:
Hüte dich vor den Lügnern, denn sie sagen die Wahrheit!

Rachel:
Die Straße liegt grau. Ein Stein stößt den anderen. Die Heide liegt grau...dem Schäfer platzt eine Ader im Auge... wilde Sprünge macht sein Schafbock... auf der Heide tanzt Blut. Blut tanzt in den Straßen, tanzt und wiegt sich im Rinnstein...

Fritz:
Du spinnst! Du bist nicht wirklich.

Rachel:
Jetzt knöpft sich der Schäfer die Hose auf. Sein Schafbock fletscht die Zähne und noch ehe er zubeißen kann, muss er sich übergeben. Ein ekler Brei, ein reißender Strom, stinkende Kloake.
(sie schreit laut, wild)
Herbst! Herbst! Die Blätter fallen in Gunzenhausen. Sieg! Sieg Heil! Sieg Heil!

Sie schlägt um sich, zuckend, rauft sich die Haare, verdreht die Augen, Schaum vor dem Mund. Sie bricht zusammen, stürzt, und bleibt zitternd und erschöpft auf dem Boden liegen.

Einer:
Vera? Vera? Vera!

Pfleger:
Jaa, jaa.

Fritz:
Das reicht für heute!

Tourette rennt über die Bühne. Sie besinnt sich plötzlich, rast zurück, stellt sich mittig an den Bühnenrand und hebt die Hand zum Hitlergruß

Tourette:
Fick Fotz Faheitler!

Fritz nähert sich Rachel, fühlt ihren Puls. Dann trägt er sie auf die Bank.
Er streicht ihr über den Kopf und geht ab.

(...)

© Hartmann & Stauffacher


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Anna Cron